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UNSERE STREIKS

Der erste feministische Streik (damals: Frauenstreik) fand schweizweit 1991 statt. Als die Frauen zum ersten Mal einen Tag lang ihre Arbeit verweigerten, stand die ganze Schweiz still.

Mit dem Druck, der aus diesem Streik entstand, konnten wir viel erreichen: das damalige Gleichstellungsgesetz, der rechtliche Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, später die Fristenlösung und die Mutterschaftsversicherung.

Leider blieben aber auch viele Ungleichheiten bestehen, zum Beispiel bei Lohn, Care-Arbeit und sozialer Absicherung. Darum beschlossen Feminist*innen aus der ganzen Schweiz Jahre später, dass die Zeit für einen neuen Streik gekommen ist.

Auch in St. Gallen entstand so ein feministisches Streikkollektiv, das seit 2019 jedes Jahr feministische Anliegen in die Öffentlichkeit trägt.

Der erste Streik seit 1991 begann mit einem Sternmarsch. Aus allen Ecken und Enden der Stadt zogen die Streikenden zum Streikplatz in der Marktgasse. Dort gab es Aktionen, Essen, Bar und Programm, bis um 15.24 Uhr die Demonstration folgte. Diese Zeit wurde symbolisch gewählt, weil Frauen ab diesem Zeitpunkt aufgrund der Lohnungleichheit für den Rest des Tages rechnerisch unbezahlt arbeiten.

Die Kraft dieses Tages überstieg alle Erwartungen: In St. Gallen allein gingen in der wahrscheinlich grössten Demonstration in der Geschichte der Stadt tausende Menschen auf die Strasse!

Dies zeigte uns: Die Forderungen nach Lohngleichheit, Diskriminierungsschutz und einer fairen Verteilung von Care-Arbeit sind immer noch genauso aktuell wie vor fast 30 Jahren. Schnell war klar: dieser Streik muss bleiben!

Während der Corona-Pandemie war eine grosse Mobilisierung leider sehr riskant. Stattdessen setzte das St. Galler Kollektiv auf angepasste Aktionsformen: Schon am 13. Juni gab es einen Sternmarsch mit anschliessendem Picknick und Reden im Stadtpark. National wurde für den 14. Juni um 15.24 Uhr zu Lärmaktionen aufgerufen.

Thematisch lag der Fokus auf systemrelevanter, aber schlecht bezahlter Arbeit, auf Überlastung, unbezahlter Care-Arbeit, Respekt, mehr Lohn und mehr Zeit.

In diesem Jahr entschied sich das Kollektiv St. Gallen zudem offiziell für die Bezeichnung «Feministischer Streik» statt «Frauenstreik». Der neue Name soll widerspiegeln, dass neben Frauen auch viele weitere Menschen unter dem Patriarchat leiden – die alle gemeinsam intersektional für eine gleichgestellte Welt kämpfen.

Ein Jahr später kehrte der Streik in St. Gallen sichtbarer auf die Strasse zurück. Das Programm sah am 14. Juni einen Sternmarsch aus mehreren Quartieren und aus Wil vor, gefolgt von einer Kundgebung in der Marktgasse.

Zusätzlich bat das Streikkollektiv viele verbündete Organisationen, schon vor dem 14. Juni eigene Aktionen durchzuführen – etwa den Postenlauf «sichtbar ungleich» in Wattwil oder Veranstaltungen beim Frauenpavillon. Das Streikwochenende wurde so dezentral über den ganzen Kanton erweitert.

Inhaltlich wurden vor allem Lohngleichheit, Anerkennung von Care-Arbeit, Altersarmut, Sexismus und Gewalt gegen Frauen betont.

Nach dem Ende der Pandemie-Massnahmen war der feministische Streik in St. Gallen deutlich aufgeladen. Schon vor dem 14. Juni fanden mehrere Veranstaltungen statt – zur AHV, zu Frauenrechten als Menschenrechten und zu historischen wie aktuellen feministischen Kämpfen. Am Streiktag selbst gab es erneut eine Demonstration und Kundgebung in der Marktgasse.

Thematisch war schweizweit und auch in St. Gallen der Widerstand gegen AHV 21 ein wichtiges Thema. Für uns war klar: Rentenpolitik ist immer auch eine Gleichstellungsfrage – denn Frauen erhalten im Schnitt tiefere Renten, leisten mehr unbezahlte Care-Arbeit und tragen damit strukturell die Folgen eines Systems mit, das ihre Lohnarbeit erschwert.

2023 war in St. Gallen erneut ein Jahr der grossen Mobilisierung mit mehreren tausend Teilnehmenden. Das Tagesprogramm begann bereits um 10.46 Uhr in der Marktgasse. Diese Zeit stand symbolisch für Rentenungleichheit: Rechnet man Lohn- und Rentenungleichheit zusammen, arbeiten Frauen ab diesem Zeitpunkt des Tages theoretisch unbezahlt.

Besonders sichtbar waren drei Forderungsblöcke: faire Entlöhnung von Care-Arbeit und weniger ökonomische Abhängigkeit für Frauen; Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und Zugang zu sexueller Gesundheit; Kampf gegen sexualisierte Gewalt.

Im folgenden Jahr stellte das St. Galler Kollektiv den Streik in den Kontext des internationalen Rechtsrucks und der dadurch wachsenden Bedrohungen für Frauen und queere Personen.

Inhaltliche Kernpunkte waren neben ökonomischer Gleichstellung besonders der Schutz vor Diskriminierung und Gewalt sowie die Verteidigung bereits errungener Rechte – darunter die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, um dieses Recht auch in Zukunft vor rechtskonservativen Angriffen zu schützen.

2025 war der St. Galler Streik eine klare Reaktion auf den aktuellen antifeministischen Backlash. Das Kollektiv mobilisierte unter dem Motto «Solange … gehe ich am 14. Juni auf die Strasse!». Verschiedene Sätze gaben konkrete Gründe für den Streik: patriarchale Strukturen, fehlende Gleichstellung, tiefere Löhne und Renten, geschlechtsspezifische Gewalt, Mehrfachdiskriminierung. Damit wurde gezeigt, dass jede individuelle Erfahrung auch Teil gesellschaftlicher Probleme ist.

Inhaltlich wurden drei grosse Themenfelder benannt: faire Löhne und Renten, Anerkennung von Care-Arbeit; Schutz vor Diskriminierung, Sexismus und geschlechtsspezifischer Gewalt; Selbstbestimmung und eine gendergerechte Gesundheitsversorgung.

2026 wählte der Feministische Streik St. Gallen unter dem Motto „Üs langets!“ eine andere Form. Statt einer zentralen Demonstration gab es dieses Jahr ein zweitägiges Programm mit vielfältigen Aktivitäten:

Am Samstag, 13. Juni, verwandelte sich die Marktgasse in eine Ruheoase mit Infostand, Massagen, Lismete- und Bastelecke, politischen Aktionen und Performances. Damit wollten wir ein Zeichen setzen: Pause machen ist auch ein politischer Akt. Am Abend folgte in der Grabenhalle ein feministisches Soliquiz und Konzerte. Am Streiktag selbst, dem 14. Juni, versammelten wir uns im Stadtpark zur Kundgebung, darauf folgte ein Daydance.

Inhaltlich standen die Themen im Mittelpunkt, die von denen wir FLINTAs wirklich genug haben:

  • die strukturelle Erschöpfung in einem System, das auf Sexismus, unbezahlter Care-Arbeit und fehlender Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit beruht
  • die allgegenwärtige Unsicherheit und Bedrohung durch Feminizide, häusliche und sexualisierte Gewalt und die Schwierigkeit, in solchen Fällen ernstgenommen zu werden und die nötige Hilfe zu bekommen
  • die Straffreiheit für Täter und mediale Narrative, die Betroffene hinterfragen statt zu schützen
  • wie diese Themen Personen mit Mehrfachdiskriminierung noch härter treffen – queere Menschen, Frauen und Queers mit Behinderungen, solche mit Migrationsgeschichte oder im Asylwesen, Frauen aus Entwicklungsländern u.v.m.

Gleichzeitig richtete unser Kollektiv den Blick nach vorne: Der 14. Juni 2027 soll als überregionaler Care-Streik ganz gross werden! Wir freuen uns auf das nächste Jahr und die Planung eines riesigen Care-Streiks mit feministischen Kollektiven aus der ganzen Schweiz und unterstützt vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund.